Wärme aus Kehl für Straßburg

Das Land Baden-Württemberg fördert die grenzüberschreitende Abwärmenutzung der Badischen Stahlwerke in Kehl. Vom Jahr 2024 an sollen mit der Überschusswärme 4500 Haushalte ihre Wohnungen heizen und Wasser erwärmen können.

Heiß kann es werden bei den Badischen Stahlwerken (BSW) in Kehl am Rhein. Sehr heiß: Auf einer Insel im Kehler Rheinhafen wird Stahlschrott zu Drähten und Stäben für die Bauindustrie verarbeitet. „Die Temperaturen im Ofen liegen über 1600 Grad“, berichtet Reiner Hagemann, Technischer Leiter und Prokurist bei BSW.

Und wo geht die Hitze am Schluss hin? Damit sie nicht weiterhin ungenutzt in die Luft verpufft, haben sich das Stahlwerk, die Klimaschutz- und Energieagentur BadenWürttemberg (KEA), das baden-württembergische Umweltministerium, die Eurometropole Straßburg, die Région Grand Est, die Caisse de Dépôts et Consignations und die Stadt Kehl zusammengetan. Die Partner auf deutscher und französischer Seite des Oberrheins wollen die Abwärme des Stahlwerks für Quartiere der Städte Kehl und Straßburg nutzbar machen.

Bislang werden die hohen Temperaturen nach dem Produktionsprozess im Kehler Stahlwerk mit Kühltürmen heruntergekühlt. „Wir haben schon länger darüber nachgedacht, wie man die Abwärme nutzen könnte“, berichtet Ingenieur Hagemann. „Aber dazu sind erhebliche Investitionen nötig, ohne politische Förderung geht das nicht.“ Der letzte Impuls kam von der badenwürttembergischen Landesregierung.

Bereits im Jahr 2019 wurde zwischen den Städten Kehl und Straßburg und dem Stahlwerk eine Absichtserklärung unterzeichnet. Nun soll von allen Projektpartnern eine Gesellschaft französischen Rechts gegründet werden, an der auch das Land Baden-Württemberg mit 12,75 Prozent beteiligt ist, nachdem die rechtlichen Bedenken ausgeräumt wurden. Im Jahr 2024 soll die BSWAbwärme grenzüberschreitend in das Heiznetz von Straßburg eingespeist werden. Auf deutscher Seite will auch die Stadt Kehl Heizwärme für seine Neubaugebiete. Die Abwärme der Badischen Stahlwerke wird als 160 Grad heißes Wasser durch eine Leitung vom Kehler Hafen über rund drei Kilometer zum Verteilerknoten des Straßburger Fernwärmenetzes fließen. Dafür muss bei BSW ein neues Gebäude errichtet und ein Mikrotunnel mit zwei Meter Durchmesser für zwei Rohre unter dem Rhein hindurchgebohrt werden. Die Bohrtechnik stammt aus der Region – von der Schwanauer Firma Herrenknecht im Ortenaukreis. 

Jedes Jahr sollen nach Fertigstellung der Leitung 70 bis 80 Gigawattstunden Energie geliefert werden. 4500 Haushalte bekommen Wärme für Wasser und Heizung. „Wir könnten noch mehr liefern“, erklärt Hagemann. Die Badischen Stahlwerke produzieren im Jahr rund zwei Millionen Tonnen Stahl. Auch im Sommer fällt bei BSW Wärme an, die – in Kälte umgewandelt – in Klimaanlagen genutzt werden könnte. Auch ein Holzpelletwerk im Rheinhafen ist an Trocknungswärme interessiert und wird sich am Projekt beteiligen. 

Das jetzt in Angriff genommene Abwärmenutzungsprojekt zwischen Kehl und Straßburg ist das erste grenzüberschreitende in Deutschland. „Von daher ist es auch ein politisches Signal“, findet Hagemann. „Die eingesetzte Energie wird zweimal genutzt, das spart weiteren Energieeinsatz und verringert CO2-Emissionen. Das sind im Jahr rund 20 000 Tonnen.“

Als „herausragendes Leuchtturmprojekt“ feiert Landesumweltminister Franz Untersteller (Grüne) das Vorhaben. „Wir zeigen mit dem Projekt, dass die Energiewende keine Landesgrenzen kennt“, erklärte er bei der Bekanntgabe der Landesbeteiligung. Die Kosten für das Projekt werden auf rund 25 Millionen Euro geschätzt. Rund 40 Prozent davon sollen aus Fördermitteln bestritten werden. Es bleiben 15 Millionen Euro, die von den Partnern gedeckt werden müssen. Der Anteil des Landes Baden-Württemberg in Höhe von 1,9 Millionen Euro sei bereits im Landeshaushalt eingeplant, erklärt eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage.

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